Feb 13, 2012
Das wilde Netzwerk - ein ethnologischer Blick
Mit seinem Buch “Das wilde Netzwerk” beschreibt Daniel Miller seinen “ethnologischen Blick auf Facebook”. Wer bereits verschiedene Bücher zum Thema gelesen hat, den erwartet bei Miller ein wirklich anderer Blick – und vor allem auch ein gänzlich andere Perspektive auf das “wilde” Treiben im größten sozialen Netzwerk. Miller untersucht, inwiefern sich das private Leben allgemein durch Facebook verändert hat:
“Inwiefern hat sich ihr Leben durch Facebook verändert? Wie wirkt sich die Seite auf die Beziehungen aus, die ihnen am wichtigsten sind? Ist Facebook so etwas wie eine Gemeinschaft? Verändert es das Selbstverständnis der Nutzer? Warum machen diese sich kaum Gedanken über den Verlust ihrer Privatsphäre?”
Im Buch finden sich viele klar formulierte Beschreibungen. Vor allem im ersten Teil bleibt die Analyse aber an den meisten Stellen leider nur oberflächlich. Vielleicht liegt es an Millers Perspektive und seine Analyse zielt als “ethnologischer Blick” gar nicht darauf ab, zu konkreten Schlussfolgerungen vorzudringen. Dennoch, für meinen Geschmack geht es in den sieben Portraits, die Miller in seinem Buch zeichnet, zu viel darum, wie Facebook zum Flirten, Party feiert und Fremdgehen genutzt wird:
“Bevor es Facebook gab, existierten potentielle Seitensprungkandidaten nur als vage drohende Schatten im eigenen Hinterkopf.” (S. 26), “Offenbar ist es unmöglich, die Beziehungen, die wir durch Facebook haben, von unserer Beziehung zu Facebook zu trennen.” (S. 36)
Die Übersetzung des englischen Originals ins Deutsche führt darüber hinaus zu sprachlichem Unwohl:
“Und wenn niemand mitkriegen soll, dass du auf “ner Fete warst - warum gehste dann überhaupt auf die Fete? Das heisst doch nur, dass du so tust wie wenn du jemand wärst, der du gar nicht bist. Keiner soll wissen, dass du auf der Fete warst, warum soll das denn keiner wissen? Dann geh halt nicht wohin, wo du nicht sein darfst.” (S. 49)
Im zweiten Teil des Buches führt Miller mit einer systematischen Zusammenführung in – für mich – gewohnteres Terrain. Unter dem Titel “Facebook und die Folgen” (S. 137) werden auf Basis der zuvor in den Portraits vorgestellten Persönlichkeiten fünfzehn Thesen aufgestellt, wie Facebook das soziale Leben verändert:
- Facebook erleichtre das Führen von Beziehungen
- Facebook hilft den Einsamen
- Facebook ist eine Art Meta-Freund
- Facebook verändert unsere Einstellung zur Privatsphäre
- Facebook verändert unsere Selbstdarstellung und unser Selbstverständnis
- Mit Facebook enden zwei Jahrhunderte der Flucht aus Gemeinschaften
- Facebook erinnert uns auch an die Kehrseite der Gemeinschaft
- Auch Facebook kennt Normen
- Facebook ist keine politische Wunderwaffe
- Facebook verändert unser Verhältnis zu Zeit
- Facebook verändert unsere Beziehung zum Raum
- Facebook verändert das Verhältnis von Arbeit und Freizeit
- Facebook ist mehr als eine kommerzielle Website
- Facebook ist Teil einer neuartigen Medienvielfalt
- Facebook ist das Internet von morgen
Fazit: “Das wilde Netzwerk” ist eine lesenswerte Abwechslung. Ein Buch, das die aktuelle Entwicklung aus einer ungewohnten und dennoch sehr relevanten Perspektive betrachtet.







