Die digitale Unternehmung

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Prof. Dr. Daniel Michelis — Hochschule Anhalt

Die Weisheit der Vielen – Problemfelder und Schlüsselkriterien

(von Sonja Jens, Teilnehmerin des KMM-Seminars Social Media 2010)

Die Kernaussage der Theorie

Die Kernaussage und damit die Definition von Surowieckis Theorie lässt sich wie folgt zusammenfassen: Surowiecki sagt, dass die Kumulation von Informationen / Kenntnissen / Fähigkeiten Einzelner in einer Gruppe zu gemeinsamen Gruppenentscheidungen führen können, die oft besser sind als Lösungen einzelner Experten.

Des Weiteren sagt er, dass diese Theorie auf scheinbar einfache/triviale aber auch auf kompliziertere Problembeispiele anwendbar ist. Beispiel: Die Schätzung des Gewichtes eines Ochsen scheint hierbei eher trivial, die Ortung eines untergegangenen U-Bootes hingegen als sehr wichtig. Beide Beispiele werden später noch genauer beschrieben.

Damit Gruppen zusammenhalten und ordentlich funktionieren, sind Regeln erforderlich; ohne eine gewisse Ordnung und ohne solche Regeln sind Ärger und Fehlleistungen die Folge. Gute kollektive Entscheidungen entstehen nicht durch Konsens und Kompromisse, sondern im Wettbewerb voneinander unabhängiger Meinungen.

Drei Problemfelder

Im Folgenden werde ich die gerade erwähnten Regeln vorstellen, die gewährleistet sein müssen, damit Surowiekis Theorie funktionieren kann. Zum Einen wäre da die Kategorisierung in die drei verschiedenen Arten von Problemstellungen:

1. Kognitionsprobleme

Dabei geht es um Fälle, für die es definitive   Lösungen gibt oder geben wird, oder es handelt sich um Fragen, auf die es vielleicht nicht eine einzige richtige Antwort geben wird, für die manche Antworten jedoch besser sind als andere.

Beispiel: Wer gewinnt das Endspiel der Champions League?

2. Koordinationsprobleme

Bei Koordinationsproblemen haben Mitglieder der Gruppe eine Möglichkeit zu finden, ihr Verhalten untereinander zu koordinieren, wohl wissend, das jeder von ihnen Gleiches zu tun versucht.

Beispiel: Wie kommt man als Fahrer sicher durch starken Straßenverkehr?

3. Kooperationsprobleme

Solche Probleme bergen die Aufgabe in sich, selbstsüchtige, misstrauische Menschen zur Zusammenarbeit zu bewegen, obwohl das strikte Eigeninteresse es eigentlich zwingend erscheinen ließe, dass kein Individuum daran teilnehmen sollte.

Beispiel: Steuern

Die Problemkategorien spielen bei der Lösung von Problemstellungen eine grundlegende Rolle. Sie finden sich alle mal mehr und mal weniger in den Problemstellungen wieder. Kann auch nur eine der Problemkategorien binnen der Lösungsfindung nicht gelöst beziehungsweise „erkannt und gebannt“ werden, kann auch das Problem nicht „weise“ gelöst werden.

Vier Schlüsselkriterien

Die im Folgenden beschriebenen vier Schlüsselkriterien beschreiben, wie genau sich eine ideale Gruppe zur „weisen“ Entscheidungsfindung zusammensetzen muss:

1. Meinungsvielfalt

Jeder Mensch besitzt unterschiedliche Informationen über einen Sachverhalt. Gruppenmitglieder sollten folglich möglichst divers (Alter, Herkunft etc.) sein.

Die Meinungsvielfalt birgt einen größtmöglichen Pool an verschiedenen Erfahrungen und Fähigkeiten in der Gruppe, der zur Problemlösung sehr wichtig ist. Mangelt es an Meinungsvielfalt, also an möglich vielen, möglichst verschiedenen Menschen kann es der Gruppe z.B. an kritischen Stimmen fehlen. Dies kann zur Folge haben, dass geäußerte Meinungen eventuell schlichtweg von der Gruppe akzeptiert werden und der Einzelne nicht Gelegenheit hat, eine eventuell gegenteilige Meinung zu äußern und zu vertreten. Mit anderen Worten: Ein Mangel an Meinungsvielfalt bedingt unter Umständen, dass die Gruppe nicht unabhängig und dezentral agieren kann. Es kann auch sein, dass sich eine Gruppe, die sich zum Beispiel aus einer relativ gleichen Art von Menschen (Alter, Bildung) speist ein ungewolltes Expertentum aufweist. Und Expertentum birgt „schwarze Flecken“, denn, ist man auf eine Sache spezialisiert, kann man nur schwer andere ebenfalls wichtige Aspekte bedenken, weil man schlichtweg nicht in der Lage dazu ist.

2. Unabhängigkeit

Die Meinung des Einzelnen muss frei von der Beeinflussung durch andere sein und bleibt unbeeinflusst durch die Ansicht der Gruppe.

Dieser Aspekt bedeutet, dass Meinungsäußerungen nicht unterdrückt werden oder künstlich konform gemacht werden dürfen. Das Ergebnis bei der Aggregation der verschiedenen Meinungen ist ansonsten verfälscht.

Grüppchenbildung innerhalb der Lösungsfindungsgruppe kann unzuträglich sein, da sich eventuell Gruppenmitglieder durch sozialen Zugehörigkeitsdruck dazu verleiten lassen eine ihnen fremde Meinung zu vertreten.

3. Dezentralisierung

Dezentralisierung beruht darauf, dass sie zu Unabhängigkeit und Spezialisierung ermutigt. Je näher jemand einem Problem steht, desto wahrscheinlicher kann er dafür eine gute Lösung finden. Spezialisierung macht Menschen tendenziell produktiver und effizienter.

Laut Surowiecki arbeiten Gruppen am besten, wenn sie sich ihre Arbeit selbst aussuchen und sich selbst Informationen, die sie benötigen, besorgen können. Es muss also gewährleistet werden, dass ein Interesse seitens der Problemlösergruppe besteht oder zumindest geschürt werden kann. Es muss eine Motivation für die Gruppenmitglieder bestehen das gestellte Problem zu lösen. Surowieckis Beispiele beinhalteten häufig einen Anreiz durch Belohnung. Dieses Mittel führte oft zu guten Gruppenlösungen.

4. Aggregation

Ein Mechanismus bündelt die individuellen Urteile zu einer kollektiven Entscheidung.

Das schönste Ergebnis nützt leider nichts, wenn es nicht klar benannt werden kann.  Es muss also eine Möglichkeit geschaffen werden, die vielen Einzellösungen zu einer Lösung zusammenzufassen. Es muss also ein Durchschnittswert aller gesammelten Einzellösungen gebildet werden können müssen.

Sobald allerdings eines dieser vier Schlüsselkriterien nicht bedient werden kann, ist die resultierende Entscheidung mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht „weise“ oder richtig. Lässt sich die Problemstellung also nicht in mindestens eine der drei Problemkategorien einteilen oder wird eine der vier Schlüsselkriterien nicht berücksichtigt kann Surowieckis Theorie nicht aufgehen.

Die vier Schlüsselkriterien bilden also ein sich gegenseitig bedingendes Gefüge. Ein Nichtvorhandensein auch nur eines der Aspekte oder aber eine Übergewichtung eines anderen Aspekts führt dazu, dass die Gruppe, die dann mit einer Lösungsfindung betraut ist unter suboptimalen Bedingungen arbeiten muss. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Gruppe nicht optimal und „weise“ entscheidet.

Beispiele und anschließende Analyse

Nun möchte ich anhand dreier Beispiele aus dem Buch veranschaulichen, wie Surowieckis Theorie funktionieren kann:

Wer wird Millionär

Der Publikumsjoker trifft bei dieser beliebten Fernsehshow zu 91 % die richtige Antwort. Der Telefonjoker ist nur zu 65 % richtig.

Ochsengewicht

An einem Herbsttag 1906 machte sich der britische Gelehrte Francis Galton auf den Weg zur Viehausstellung im Dorf. Bisher vertrat er eine eher konservative Ansicht was die Intelligenz von Menschen und ihre Fähigkeiten anging. Doch sollte er bald eines besseren belehrt werden: Die Besucher schätzten das Gewicht eines Ochsen. Für die beste Schätzung war ein Preisgeld ausgesetzt. Das Mittel von 800 Menschen schätzte das Gewicht auf 542,9 Kg. Das tatsächliche Gewicht war: 543,4 Kg.

U-Boot „Scorpion“

Im Mai 1968 verschwand das U-Boot „Scorpion“ im Nordatlantik. Daten zur Ortung waren nur bruchstückhaft vorhanden. Der verantwortliche Marineoffizier Craven trommelte verschiedenste Experten zusammen um sie getrennt voneinander nach ihrer persönlichen Einschätzung zu fragen und sie nicht wie herkömmlich zusammen arbeiten zu lassen. Die kumulierte Lösung entsprach keiner einzigen Einzelschätzung. Schlussendlich wurde das U-Boot nur 75m von dieser so ermittelten Position gefunden.

Analyse:

Bei allen drei Beispielen fällt auf, dass es sich um Kognitionsprobleme handelt. Es gibt für jedes eine einzige richtige Lösung. Koordinationsprobleme treten auf den ersten Blick bei keinem der Beisiele auf. Die Prozedere bei der Fernsehshow und bei dem Rinder-Gewinnspiel ist vorgegeben und klar, so dass die Teilnehmer sich nicht noch untereinander koordinieren müssen. Genauer zu beleuchten bleibt in diesem Zusammenhang das U-Boot-Beispiel: Der Marineoffizier beschritt mit seinem Problemlösungsansatz einen völlig neuen Weg. Das Koordinierungsproblem bestand für ihn in sozusagen umgekehrter Form: Ihm war es wichtig die Experten getrennt voneinander nach ihrer Einzeleinschätzung zu fragen und nicht, wie herkömmlich, ihre Zusammenarbeit zu koordinieren. Ein Kooperationsproblem besteht bei keinem der aufgeführten Beispiele. Denn der Lösungsfindung unterliegt ein gemeinsames Ziel, dass sich nicht gegen das Individuum wendet. Bei dem einen geht es um das „Dabeisein“ und den Spaß an der Freude, bei dem anderen geht es um ein Preisgeld und bei dem letzten um die Ortung eines gesunkenen U-Bootes, nicht aber um die Findung einer gemeinsamen Lösung zur Regulierung der Gesellschaft, hinter dem das Individuum zurückstecken muss.

Meinungsvielfalt, Diversität, Unabhängigkeit, Dezentralisation und Aggregation des Ergebnisses sind bei „Wer wird Millionär?“ und beim „Ochsengewicht“ beispielhaft vorhanden. Nur bei dem U-Boot handelt es sich bei der Gruppe um einer Ansammlung von verschiedenen Experten. Doch durch Cravens geschickte Befragungstechnik wird dieser Fakt revidiert. Fraglich wäre zudem, ob vollkommene Seefahrtslaien und Nicht-Wisschenschaftler überhaupt dazu in der Lage gewesen wären einen Lösungstipp für dieses Problem abzugeben.

Persönliches Resümee und Einschätzung für die Relevanz in der Praxis

Zunächst zum Buch

Das Buch hat mir persönlich nicht gefallen. Meiner Meinung nach besteht es aus einer Aneinanderreihung von mehr oder weniger gut gewählten Beispielgeschichten, so dass sich die Essenz aus den einzelnen Geschichten selbst für den aufmerksamen Leser nicht immer erschließt – man hätte es oft einfacher, prägnanter und vor allen Dingen kürzer auf den Punkt bringen können. Oft hinken seine Beispiele, wenn man einmal länger darüber nachdenkt.

Und nun zu Surowieckis Theorie

Ich finde die Ergebnisse der ausgewählten Beispiele überraschend und ein wenig revolutionär. Die Relevanz dieser Theorie ist für mich eher übergeordnet zu sehen.

Wie alle Theorien unterliegt auch diese Theorie bestimmten Bedingungen, damit sie funktionieren kann. Und genau darin liegt auch diesmal die Schwierigkeit. Natürlich bestimmen auch in diesem Fall Ausnahmen die Regel. Doch selbst wenn man alle Grundvoraussetzungen erfüllt, muss die resultierende Gruppenlösung nicht die richtige oder die „weiseste“ sein. Oft kann erst im Nachhinein festgestellt werden, ob eine Entscheidung „weise“ war. Man muss abwägen, ob eine Befolgung dieser neuen Theorie die richtige Lösung bringen kann.

Das Internet ist ein Spiegelbild von diversen, unabhängigen, dezentralisierten Gruppen oder besser Einzelpersonen, die sich allerdings nur selten bis nie in ihrer „weisen“ Funktion beweisen können. Vielleicht liegt genau hierin die zukünftige Chance für eine Instrumentalisierung der Theorie für unsere virtuelle Gegenwart.  Problemstellungen in dem beschriebenen Maße sind kaum in der Realität und noch seltener im Internet zu finden. Und selbst wenn man sich einmal mit einer Problemstellung konfrontiert sieht, ist die Gruppe in der man sich selbst im Netz organisiert nicht divers genug um zu einer „weisen“ Problemlösung zu gelangen.

Trotzdem finde ich, dass Surowieckis These ein interessantes Gegenargument zu bisher herkömmlich Thesen schafft. Sie spricht uns Mündigkeit zu. Oft ist ja schon zu beobachten, wie sich die Arroganz des Marktes oder Marketings durch uns mündige Verbraucher recht.

Selbst wenn Expertenbefragungen scheinbar weniger erfolgversprechend sind – es ist praktikabler als die Herstellung einer Gruppenentscheidung unter der Berücksichtigung aller dafür notwendigen Gegebenheiten.

Konfrontation ist also ergiebiger als Konformität, so dass künftig hoffentlich bunt gemischte Teams mit der Lösung von Problemen betraut werden.

Vor allem in der Arbeits- und Personalwelt könnte und sollte Surowieckis Erkenntnis neue Akzente setzen. Neue, branchenfremde Mitarbeiter könnten künftig als neuer Wissensschatz der Unternehmen gesehen und gefördert werden.

Referenz

Surowiecki, James (2007), Die Weisheit der Vielen: Warum Gruppen klüger sind als Einzelne (Amazon Partner Link), Goldmann Verlag

Kategorie: Fallstudien, Sonstige, — Social Media

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2 Responses

  1. John says:

    3Sat neues Sendung vom 10.04.2011 - Thema: “Online-Crowd”: Zusammen sind wir klüger. http://www.3sat.de/page/?source=/neues/sendungen/magazin/152817/index.html

  2. Das Schwarmintelligenz-Konzept interessiert mich schon lange. Vor einiger Zeit hatte ich mit meiner Aktionsgruppe LOMU ein Experiment dazu in Hamburg und Berlin veranstaltet: http://lomu.net/lomu2.html.

    Würde mich über Feedback zu unserem Experiment freuen!

    Sonnige Grüße,
    Agnieszka

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