Feb 4, 2010
The Wealth of Networks — Networked Information Economy
(von Matthias Drinkmann, Teilnehmer Social Media Seminar 2009/10)
Unsere Auffassung von Arbeit bestand bisher darin zu glauben, dass Menschen nicht ohne eine gerechte Bezahlung zum arbeiten motiviert werden können. Die wirtschaftswissenschaftlichen Modelle gehen nicht davon aus, dass es auch ohne einen finanziellen Anreiz zur Produktion kommen könnte. Es hat sich ein neues Modell der Produktion etabliert, das es eigentlich nicht geben dürfte, wollte man unseren Glaubenssätzen über ökonomisches Verhalten glauben. Es widerspricht der Intuition der Menschen des späten zwanzigsten Jahrhunderts, dass Tausende freiwillig zusammenkommen, um zusammen zu arbeiten. Es sollte eigentlich nicht möglich sein, dass diese Freiwilligen die größten und finanziell am besten ausgestatteten Unternehmen der Welt in ihrem Kerngeschäft schlagen können. …und dennoch passiert genau das!
Zum Autor
Yochai Benkler ist gebürtiger Israeli mit deutschen Vorfahren. 1991 erwarb er den LL.B an der Universität Tel-Aviv und 1994 ebenfalls an der Harvard Law School, wo er im Anschluss auch promovierte und bis 2003 als Professor tätig war. Danach lehrte er bis 2007 an der Yale Law School, bis es ihn wieder nach Harvard verschlug, wo er neben einer Tätigkeit als Jura-Professor auch als Vize-Vorsitzender des renommierten Berkman-Center for Internet and Society tätig ist.
Schon 1990 verfasste er Artikel über die Zukunft des Internets und den Möglichkeiten einer vernetzten Wirtschaft und Gesellschaft. Um die Jahrtausendwende verlagerte er seine Forschungsschwerpunkt auf die Ursachen und auf die wirtschaftlichen und politischen Einflüsse von radikal dezentralisierten und individuellen Handlungen und Kollaborationen auf die Produktion von Informationen, Wissen und Kultur. Das vorliegende Buch The Wealth of Networks: How Social Production Transforms Markets and Freedom erhielt den Don K. Price Award der American Political Science Association in der Rubrik ‚Science, Technology and Politics‘; den American Sociological Associations CITASA Award in der Rubrik ‚Sociology of Communications or Information Technology‘; den Donald McGannon Award in der Rubrik ‚Social and Ethical Relevance in Communications Policy Research’. Außerdem wurde es mit dem Electronic Frontier Foundation’s Pioneer Award und dem Public Knowledge IP3 Award ausgezeichnet.
Zum Buch
1. A Moment of Opportunity and Challenge
Die westliche Welt befindet sich gegenwärtig in einem Kulturkrieg, und die Schlachtfelder sind die Gerichte, die Parlamente, die internationalen Rechtswerke und die einzelnen Interessenvertretungen. Und dieser Krieg ist global. Es geht es in diesem Krieg um Recht und Politik, um Gesellschaft und Eigentum. Und es geht darum, wie die Menschen in ihren Möglichkeiten beschränkt werden frei zu wählen wie sie leben wollen, und wie sie untereinander als Konsumenten, als Urheber oder einfach nur als normale Bürger in Kontakt treten wollen.
Benkler verdeutlicht dies u.a. anhand des folgenden Beispiels: Die Firma Diebold stellt in den USA elektronische Wähl-Maschinen her, welche in den USBundeswahlen im Jahre 2002 benutzt wurden. Die Beteuerungen, die Maschinen seien sicher und fehlerfrei, wurde von den etablierten Medien ohne es nachzuprüfen geglaubt. Sie hatten ja auch keine andere Wahl, denn nachzuprüfen wie die Maschinen funktionieren war schlicht unmöglich aufgrund ihrer Kompliziertheit, noch dazu weil die Funktionsweise von der Firma Diebold wie ein Staatsgeheimnis gehütet wurde. Einige Internetaktivisten jedoch wollten dies genauer wissen und haben es geschafft, wie auch immer dies geschah, im Internet ein Freiwilligenprojekt zur Untersuchung von Vertretern des Herstellers und von Wahlverantwortlichen zu beantragen.
Dadurch war es möglich, die Funktionsweise und Teile des Codes der Wahl-Automaten auf der privaten Website blackboxvoting.com der Internetaktivistin Bev Harris zu veröffentlichen und die Computergemeinde einzuladen, diese Ergebnisse auszuwerten. Daraufhin schickte ein anonymer Informant der Firma Diebold per email eine andere Version des Codes an die Betreiberin der Website, aus dem hervorging, dass einige Maschinen, nachdem sie durch die Behörden zertifiziert wurden, verändert wurden. Die Firma Diebold drohte damit, rechtliche Schritte gemäß dem Digital Millenium Copyright Act (DMCA) einzuleiten, da die anonyme email urheberrechtlich geschützt sein könnte. Bei Erfolg der Klage, also wenn die email als urheberrechtlich geschützt beurteilt worden wäre, dürfte sie nicht weiter verbreitet werden und Diebold wäre sogar straffrei geblieben. Allerdings wurden mithilfe von peer-to-peer file-sharing - Techniken schon so viele Kopien verbreitet, dass Diebold die weitere Verbreitung nicht unterbinden konnte und die Ergebnisse an die Öffentlichkeit gelangten. Das Resultat war dass der Staat Kalifornien eine eigene Ermittlung einleitete und den Maschinen daraufhin die Zertifizierung entzog.
Benkler argumentiert, wir befinden uns auf dem Gebiet des Rechts und der Politik in einem Kampf, der außerhalb der Grenzen unserer gesellschaftlichen Prägung und sozialen Gewohnheiten stattfindet. Und dieser Kampf wird sich zu einer digitalen Kommunikationsund Computerrevolution ausbreiten.
Aber was haben Wähl-Maschinen mit dieser Revolution zu tun? Sie sind ein Teil einer neuen Ökonomie. Einer vernetzten Ökonomie – umgeben von Informationen und geprägt durch die Vorschriften des Urheberrechts.
Die Frage die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist die, ob die Wirtschaft der Zukunft eine hauptsächlich auf Eigentum urheberrechtlicher Produkte ausgerichtete sein wird und welche von den Unternehmen und ihren Interessen kontrolliert wird, oder ob es genug Raum für sinnvolle ‚non-market social production‘ gibt?
Auf das angeführte Beispiel bezogen heißt das, ob also ein Unternehmen wie Diebold trotz Manipulation der Wahl-Maschinen straffrei ausgehen kann, weil es die Verbreitung von Informationen und Daten unterbindet an denen es Rechte hat? Oder ob wir uns in unseren Rechten nicht beschneiden lassen können etwas Sinnvolles und Nützliches zu tun, nur weil bestimmte Informationen und geistige Güter von jemandem kontrolliert werden können? Die Antwort auf diese Frage hat erhebliche Folgen für unsere persönliche Freiheit, die Öffentlichkeit und dafür, wie unsere Wirtschaft in der Zukunft aussieht. Gemäß Benkler kann man diese Bedeutung nicht hoch genug einschätzen
2. The Networked Information Economy (NIE)
Benkler unterscheidet grundsätzlich zwischen zwei Lagern:
- der industrial information economy, einem einseitig, kapitalintensiv und hochwertig produzierendes Modell, welches in den letzten 150 Jahren Einfluss hatte, und
- der NIE, ein many-to-many, low capital und kooperatives Modell, welches in den letzten 15 Jahren begann immer mehr an Bedeutung zu gewinnen.
Zu den Vertretern des ersten Lagers zählt er die Printmedien, Plattenlabel und die Rundfunkanstalten, zu den Vertretern der NIE die Blogger, file-sharer und die dezentral organisierten Programmierer. Die Infrastruktur, auf die die NIE basiert, ist natürlich das Internet, das er als ein hoch kommunikatives Milieu, erschaffen durch kostengünstige Rechner mit einer zusammengenommenen äußerst hohen Rechenleistung, untereinander verbunden durch ein ständig existierendes Netzwerk, beschreibt. Und dieses Milieu ist geprägt durch:
- Eigentumsunabhängige Konzepte
- Zunehmende nicht kommerzielle Produktionsweisen, und
- Hoch effiziente, in großem Umfang angelegte kooperative Kapazitäten und Möglichkeiten.
Er fasst diese Punkte zusammen mit der Beschreibung „peer production of information, knowledge and culture“, und beschreibt den dritten Punkt als den revolutionärsten, da dies die größte Herausforderung für die Wirtschaft und die Politik darstellt.
2.1 Die Herausforderung für die Wirtschaft
Laut Benkler haben Unternehmen und der Markt hinsichtlich der Frage, wie z.B. ermittelt werden soll wer ein geeigneter Kandidat für eine zu besetztende Stelle ist, zwei verschiedene Antworten. Der (Bewerber-)Markt urteilt anhand der zu erwartenden Entlohnung, also anhand von Preis-Signalen, und die Unternehmen anhand der Qualität des potenziellen Mitarbeiters, also anhand innerbetrieblicher Erwägungen.
Benkler führt eine dritte Möglichkeit ein, die „commons-based peer-production“, also eine auf Gemeingütern basierende Produktion unter gleichberechtigten Marktteilnehmern. D.h. die kooperativen Akteure stehen nur lose in Kontakt, auf ein hierarchisches Management klassischer Unternehmen wird verzichtet, man ist unabhängig von monetären Marktsignalen. Sie sind meist von ihrer Leidenschaft zum Produkt motiviert und übernehmen Aufgaben nach dem Prinzip der Selbstselektion, Selbstintegration und Selbstorganisation.
Dafür kommen solche Projekte am besten in Frage, welche durch eine hohe Modularität geprägt sind und man sie daher in viele kleine Komponenten unterteilen kann. Beispiele sind die Klassifizierung der Marskrater (NASA Clickworkers), die freien Enzyklopädien (Wikipedia) oder das erschaffen von online-Welten (Second Life).
Die Vorteile der peer-production gegenüber der klassischen Markt-Unternehmens-Beziehung sind demnach die auf ein hocheffizientes Maß reduzierten Transaktionskosten.
2.2 Die Herausforderung für die Politik
Durch die gleichen Merkmale, welche die peer-production in wirtschaftlichen Bereich so effizient machen, ist die peer-production auch wesentlich besser dazu geeignet, im Bereich partizipierender Demokratien in komplexen und freien Gesellschaften aufzudecken, als die etablierten Massenmedien dies könnten.
Benkler argumentiert, durch die Diskussionen in der Öffentlichkeit entsteht unser Verständnis von Politik, und dies geschieht nicht durch die Verbindung von einzelnen, bestimmten Diskussionen in der Öffentlichkeit, sondern ist ein Prozess der Kommunikation zwischen gleichrangigen Bürgern.
In freien Gesellschaften ist die Meinungsbildung im öffentlichen Raum (oder zumindest sollte sie dass sein) frei von staatliche Zwängen und Repressalien. Diese Aufgabe der Meinungsbildung nahmen in der Vergangenheit die etablierten Massenmedien ein, welche bestimmte öffentliche Diskussionen auswählten und aus ihnen etwas machten, was man als die Meinung bestimmter Bevölkerungsgruppen bezeichnen könnte. Aber Benkler führt in diesem Zusammenhang drei wesentliche Kritikpunkte auf:
- Es Haben zu wenig Informationen und Ansichten Eingang in diese Meinungsbildung
- Die hohen Kosten dieser Art der Meinungsbildung haben dazu geführt, das sie in der Hand von nur wenigen ist
- Die Abhängigkeit von Geldmitteln durch Werbeanzeigen konterkariert jegliche geistige und ideelle Unabhängigkeit.
Die peer-production der NIE ist in der Lage diese Schwachpunkte auszugleichen. Der Eingang an Informationen in die Meinungsbildung ist nun universell, jeder mit Internetzugang z.B. einen Blog aufsetzen und seine Sicht der Dinge kundtun, jeder Andere kann dies lesen.
Die Struktur des Internets bewegt sich hin zu einer für jeden individuellen Form der Meinungsbeschaffung und Problemlösung. Man sucht sich gezielt die Informationen die gebaucht werden, Uninteressante werden ausgeblendet - eine hocheffiziente Form der Problemlösung. Durch die Möglichkeit des verlinkens wird das Netz zunehmend transparenter
Letztendlich kann gesagt werden, fast jeder kann mit minimalem Kostenaufwand mit einer schier unbegrenzten Öffentlichkeit in Kontakt treten, ohne auf monetäre Einflüsse Rücksicht nehmen zu müssen. Das führt zu einer noch nie da gewesenen Unabhängigkeit der Meinungsbildung in unserer Gesellschaft und wird den politischen Diskurs der Zukunft noch nachhaltig beeinflussen (obwohl schon 2006 veröffentlicht, ist genau das in den USPräsidentschaftswahlen im letzten Jahr passiert).
Referenz
- Benkler, Yochai (2006) The Wealth of Networks: How Social Production Transforms Markets and Freedom, Yale Univ Press






