Jan 18, 2010
Calm Advertising — kollaborative Empfehlungssyteme als Alternative zu Google?
Als ich im Mai des vorangegangenen Jahres kurz vor meiner Teilnahme am Workshop Pervasive Advertising in Nara (Japan) das erste Mal einen japanischen Supermarkt betrat, war ich von der Flut an bewegten Werbebildern und um Aufmerksamkeit buhlenden Lautsprechern im wahrsten Sinne des Wortes überwältigt.
Auf dem Weg zur Konferenz entwickelte sich — nach dem ersten Unbehagen, durch meinen Beitrag am Workshop an einer weiteren Durchdringung mit immer lauterer Werbung mitzuwirken — erstmals der Gedanke von Calm Advertising: In Anlehnung an das Paradigma des “Calm Computing” bieten uns neue Technologien die Chance, eine neue Form der Werbung zu entwickeln, die nicht immer lauter nach Aufmerksamkeit sondern den ehrlichen Dialog mit Konsumenten sucht beziehungsweise den Dialog unter Konsumenten fördert.
Bislang ist Calm Advertising kaum mehr als eine Idee — von einer wissenschaftlichen Studie noch weit entfernt. Die Arbeit schreitet aber voran: Hier gibt es einen ersten Entwurf meines Beitrags für den nächsten Pervasive Advertising Workshop im Mai 2010 in Helsinki, an dessen Organisation ich in diesem Jahr beteiligt bin.
Jaron Lanier zum ewigen Frühling der Werbung
Passend zum grundlegenden Gedanken von Calm Advertising hat die FAS vom 17. Januar Auszüge aus dem neuen Buch You are Not a Gadget: A Manifesto von Jaron Lanier gedruckt. Besonders interessant sind diesbezüglich Laniers Gedanken zum “Ewigen Frühling der Werbung”:
“Am Ende des Regenbogens wartet der ewige Frühling der Werbung. … In einer früheren, hippiemäßigen Phase, vor Googles haarsträubenden Austieg, herrschte im Silicon Valley eine spürbare Abneigung gegen die Werbung. Damals verunglimpften wir die Werbung als eine der Ursünden der schlechten Welt der alten Medien, an deren Sturz wir arbeiteten. … Als Googles Siegeszug begann, konnte man im Silicon Valley nicht selbten ungefähr folgenden Dialog hören:
‘Moment mal, hassen wir nicht eigentlich Werbung?’
‘Na ja, wir hassen die alte Werbung. Diese neue Art der Werbung ist unaufdringlich und nützlich.’
Es ist absurd, wie entscheidend die Werbung für die neue digitale Schwarm- und Bienenstockökonomie ist, und noch absurder, dass von diesem Umstand nicht mehr Aufhebens gemacht wird. Die ermüdende Behauptung der offiziellen digitalen Lehre lautet, dass Gruppen von Leuten, die umsonst arbeiten, manche Dinge besser können als altmodische Experten, die bezahlt werden. Wikipedia gilt als das Paradebeispiel.”
Nach dieser “Bewertung” der aktuellen Situation schlägt Lanier — und das war für mich das eigentlich interessante — eine alternatives Vorgehen vor, das sich vor allem von Google unterscheidet. Persönlich würde ich es als eine Art kollaboratives Empfehlungssytem intepretieren:
“… warum untergräbt dieses Prinzip dann nicht die Werbewirtschaft? Ein funktionierendes, auf ehrlicher Schwarmintelligenz aufbauendes System müsste der bezahlten Überredung überlegen sein. Wenn der Schwarm so viel weiß, sollte er jedem einzelnen von uns zu optimalen Entscheidungen verhelfen können, ob es um häuliche Finanzen, weiße Zähne oder unser Liebensleben geht. Die ganze bezahlte Überredung sollte zur Disposition stehen.”
Ich habe Jaron Laniers Buch bestellt und werde hier sicher noch ausführlicher davon berichten.
P.S.: Das wahrscheinlich aktuellste Beispiel zur Diskussion über (neue) Wege der Werbung, “bezahlte Überredung” und die Süddeutsche Zeitung gibt es hier.






