Die digitale Unternehmung

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Daniel Michelis — Hochschule Anhalt

Als die alten Medien neu waren

(Auszug aus: D. Michelis. User Generated Content, in: Jahrbuch für digitale Kommunikation, 2007)

Die Möglichkeit, über den freien Medienzugang eigene Inhalte zu produzieren, hat bereits vor dem Einzug des Internets [...] intensive Diskussionen über den Einfluss auf Medieninhalte angeregt.

Giesecke: Historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien

[So zeigten sich] bereits mit Einzug des Buchdrucks [...] nach Giesecke deutliche Auswirkungen einer dezentralisierten Infrastruktur auf die Medieninhalte: Schon damals strebte die Bevölkerung nach freiem Zugang zu Information und Wissen. Obwohl dafür der Besitz von Druckerpressen Voraussetzung war, beteiligte sich erstmals eine Vielzahl von Bürgern an der Produktion von Information. An die Stelle zentraler Kontrolle trat die Entscheidungsfreiheit von Verlegern und Buchkäufern, die nun zwischen einer zunehmenden Vielfalt von Informationen frei wählen konnten. Mit dem Anstieg der dezentralen Produktion kam es zudem zu inhaltlichen Veränderungen: Auf die zunehmende Bedeutung des Buchs verweist etwa die vielfältige Produktion von Fachbüchern: Enzyklopädien, Lexika. Chroniken und Anleitungen zu Landwirtschaft, Kochen, guten Manieren oder Kalligrafie dienten als alltägliche Entscheidungshilfen. Darüber hinaus kam es nicht allein durch die Möglichkeit, eigene Bücher zu drucken, sondern auch durch die dezentrale Struktur des Marktes zu inhaltlichen Veränderungen: Die freie Marktwirtschaft übernahm als „kommunikatives Netz“ die Funktionen traditioneller, zumeist geistlicher Verkündungsinstanzen, die zuvor die Verbreitung von Wissen kontrollierten. Damit rückten die Produzenten von Büchern als unabhängige Akteure des Marktes näher an den Prozess der Wissensverbreitung. [1,2]

Brecht: Der Rundfunk als Kommunikationsapparat

Einige Jahrhunderte später wurde die Diskussion über die Bedeutung des nutzergenierierter Inhalte dann noch einmal geführt: In den späten 20er Jahren fordert Bertolt Brecht in seiner Radiotheorie, dass der Hörfunk nicht nur senden, sondern auch empfangen soll – der Rundfunk sollte sich aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat verwandeln. Auf diese Weise entstünde ein dezentrales und multidirektionales Kanalsystem, mit dem der Zuhörer aus seiner Isolierung heraus- und in Beziehungen zu anderen Hörern treten könnte. In „Der Rundfunk als Kommunikationsapparat“ (1932) schlägt Brecht zudem eine Neuordnung des Rundfunks vor, der nicht länger nur über aktuelle Geschehnisse berichten, sondern auch den gesellschaftlichen Austausch fördern sollte. Brecht setzte sich dafür ein, aus dem Radio „eine wirklich demokratische Sache“ zu machen – die Intendanten des Hörfunks erreichten bereits viel Positives, wenn sie es aufgäben, immer nur selber zu produzieren. Die Radiosender sollten sich auf die Reproduktion der Ereignisse beschränken, die Produktion eigener Medien-inhalte hingegen von den Hörern übernommen werden. Um von wichtigen Ereignisse berichten zu können, sollten sendefähige Radiogeräte überall hin mitgenommen werden können. Auf diese Weise würde die Dezentralisierung der Radio-Infrastruktur das politische und gesellschaftliche Geschehen näher an die Bevölkerung herantragen. [3]

Enzensberger: Baukasten zu einer Theorie der Medien

Während Brecht sich noch ausschließlich auf das Radio bezieht, formuliert Hans Magnus Enzensberger seine Überlegungen mit Blick auf die Verbreitung von Film und Fernsehen, die seiner Ansicht nach der Kommunikation nicht dienen, sondern sie verhindern, da beide Medienformen keine Wechselwirkung zwischen Sender und Empfänger ermöglichen. Nach Enzensberger erlaubt die Verbreitung von Film und Fernsehen erstmals die Teilnahme der Bevölkerung an der medialen Öffentlichkeit: Die dafür notwendigen technischen Mittel waren nun massenhaft verfügbar und jedermann leicht zugänglich. Seinen theoretischen Ansatz entwickelt Enzensberger ausgehend von der These, dass die hierarchische Aufteilung zwischen Sender und Empfänger nicht allein technisch zu begründen sei. Wie schon Brecht verweist auch Enzensberger darauf, dass prinzipiell jedes Radio auch als Sender genutzt werden könnte – die elektronischen Medien seien ihrer Struktur nach egalitär und könnten schon durch „einfache Schaltvorgänge“ einer großen Teilnehmerzahl als Sender zur Verfügung gestellt werden, was sie zu geeigneten Instrumenten bei der Etablierung neuer Gesellschaftsstrukturen machte: Große Teile der Bevölkerung könnten sich an der Produktion von Medieninhalten beteiligen. Doch entstehe eine kollektive Inhalte-Produktion nicht schon allein dadurch, dass möglichst viele Teilnehmer aktiv senden und empfangen: Für ein optimales Ergebnis ihrer individuellen Produktion müssten sie sich in Gruppen organisieren. [4]

Diese kurze Darstellung soll den historischen Hintergrund andeuten, vor dem sich die aktuellen Entwicklungen digitaler Kommunikation vollziehen. Der Blick auf frühere Phasen kann wertvolle Inspirationen für die Gestaltung der Zukunft liefern. [...]

Quellen

  1. Giesecke, Michael (1990), Als die alten Medien neu waren – Medienrevolutionen in der Geschichte, in: Weingarten, Rüdiger (Hrsg.), Information ohne Kommunikation?, Frankfurt am Main, S. 75-98
  2. Giesecke, Michael (1991), Der Buchdruck der frühen Neuzeit: Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien, Frankfurt am Main
  3. Brecht, Bertolt (1967), Gesammelte Werke, Band 18, Frankfurt am Main
  4. Enzensberger, Hans Magnus (1970), Baukasten zu einer Theorie der Medien, hrsg. von Glotz, Peter, Frankfurt/Main , S.159-186
  5. D. Michelis. User Generated Content, in: T. Schildhauer/C. Peppel (Hrsg.) Jahrbuch für digitale Kommunikation, 02, Berlin, 2007, S. 22-23

Kategorie: Verschiedenes, — Ökonomie der Beteiligung

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