Dec 14, 2009
Was würde Google tun? — Von erfolgreichen Strategien profitieren
(von Lutz Schirrmeister, Teilnehmer Social Media Seminar 2009/10)
Jeff Jarvis, eine der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Medienwelt, Professor für interaktiven Journalismus und Betreiber des erfolgreichen Medienblogs Buzzmachine.com stellt in seinem 2008 erschienenden Buch “What Would Google Do?” die folgende zentrale Frage:
„It seems as if no company, executive, or institution truly understands how to survive and prosper in the internet age. Except Google. So, faced with this most any challenge today, it makes sense to ask: WWGD? What would Google do? In management, commerce, news media, manufacturing, marketing, service industries, investment, politics, government, and even education and religion, answering that question is a key to navigating a world that has changed radically and forever.“
Der Wechsel von alt zu neu und der Erfolg eines Unternehmens
Es gab immer wieder technische Entwicklungen die das Leben der Menschen in einem außergewöhnlichem Maße veränderten, sei es die Erfindung des Buchdrucks, der Dampfmaschine, des Autos, des Radios oder des Fernsehens. Aber keine dieser Erfindungen hat das Zusammenleben der Menschen in den letzten 300 Jahren in nur so kurzer Zeit in einem solchen Maße verändert wie es das Internet tat. Laut IWS hatten im März 2007 ca. 16,9 Prozent der gesamten Weltbevölkerung einen regelmäßigen Zugang zum Internet. Laut EITO nutzten Anfang 2008 1,23 Milliarden Menschen das Internet. In der EU nutzten Anfang 2008 über 51 Prozent der 500 Millionen EU-Bürger regelmäßig das Internet. In den USA liegt die Anzahl der Internetnutzer mit über 75% noch weit darüber. Als größte Herausforderung wird heutzutage betrachtet, die im Internet verfügbaren Informationen zu organisieren, allgemein nutzbar und der gesamten Welt zugänglich zu machen. Dieser Herausforderung stellte sich bereits 1998 ein kleines Unternehmen mit Sitz in Mountain View im US-Bundesstaat Kalifornien, welches von Larry Page und Sergei Brin gegründet wurde. Dieses ehemals kleine Unternehmen wird heute als das erfolgreichste und schnellstwachsende Unternehmen der Welt betrachtet. Sein Bekanntheitsgrad ist so hoch, dass der Unternehmensname als synonym für Suchanfragen jeglicher Art im Internet verwendet wird und besteht aus sechs bunten Buchstaben. Google!
Doch was machte dieses Unternehmen, welches stellvertretend für weitere Unternehmen wie Facebook, Craigslist, Amazon oder Digg steht, so erfolgreich? Was ließ es dazu werden, was es heute ist und die viel entscheidendere Frage: Wie können andere Unternehmen davon profitieren? Jeff Jarvis versucht mit seinem Buch „What would Google do?“ die Erfolgsprinzipien des Internetgiganten Google zu analysieren und so nutzbar für andere Unternehmen zu machen. Hierzu identifiziert er die „Google Rules“ die Google zu dem gemacht haben was es heute ist und überträgt diese auf andere Geschäftszweige.
Google Rules und Jarvis Laws
„Google is not just a company, it is an entirely new way of thinking“
Chris Anderson, author of The Long Tail
Oft hat es eine lange Zeit gebraucht bis aus erfolgreichen Unternehmen das geworden ist, was sie heute sind. Dabei spricht man in den seltensten Fällen von einem Zeitraum der weniger als eine Dekade beträgt. Nun, wenn man einem Blick auf Google wirft, reibt man sich verwundert die Augen. In nur wenigen Jahren ist Google zum Branchenführer aufgestiegen und nicht nur das. Google gehört seit einigen Jahren zu den erfolgreichsten Unternehmen auf der Welt. Larry Page und Sergei Brin konnten diesen Erfolg aber nicht erreichen weil Sie auf konventionelle Business-Modelle vertrauten, konservativ investierten oder sich völlig von der Außenwelt abschotteten um Google im Verborgenen zum Erfolg zu führen. Nein, vielmehr entwickelten sie ein neues und auf das alles überlagernde Medium der Zukunft, das World Wide Web, abgestimmtes Konzept. Doch was steckt hinter diesem Konzept, was sind die Grundregeln, wie lauten die „Google Rules“ zum Erfolg? Jeff Jarvis versucht in „What would Google do?“ diese Regeln zu identifizieren und stellt anhand dieser Regeln neue Gesetzmäßigkeiten für die erfolgreiche Unternehmung der Zukunft auf. Zu den wichtigsten dieser Gesetzmäßigkeiten zählen:
- Gib den Leuten Kontrolle und sie werden sie nutzen – um Dir so Erfolg und vor allem sich selbst einen Mehrwert zu bringen
- Dein schlimmster Kunde ist Dein bester Freund – denn er sagt Dir was nicht mit Deinem Produkt stimmt, sodass du es ändern kannst
- Der Link ändert alles – Verlinke Dich um Dir neue Möglichkeiten zu eröffnen
- Denke dezentral – der Kunde kommt nicht zu Dir, also geh Du zum Kunden
- Wenn eine Suchmaschine Dich nicht finden kann, wirst Du auch nicht gefunden – also verstecke Dich nicht vor ihr, denn das hilft Dir nicht
- Jeder braucht den Googlesaft – je vernetzter Du bist um so schneller findet Dich Google
- Der Massenmarkt ist tot – es lebe die Masse der Nischen – die Zeiten von „eine Größe passt allen“ ist vorbei und es zählt die Individualität
- Makler und Zwischenhändler sind dem Untergang geweiht – sie werden in dieser neuen Welt nicht mehr gebraucht, denn ihr Service ist überflüssig
- Entscheide in welchem Geschäft Du bist – denn nur so kannst Du wissen wer Deine Kunden sind
- Vertraue den Menschen / Höre zu – denn sie wissen was sie wollen und Du kannst es ihnen geben
- Mach Deine Fehler gut und gib sie zu – denn es hilft Dir sie zukünftig zu vermeiden und ändert Dein Bild in der Gesellschaft zum Positiven
- Sei Aufrichtig / sei transparent – denn das schafft Vertrauen
- „Don’t be Evil“ – es wird Dich sonst selbst treffen
- Mobs formieren sich blitzschnell – also reagiere schnell
- Vereinfache, vereinfache – denn kompliziert ist unnötig
- Geh aus dem Weg – denn Leute wissen was sie wollen wenn man ihnen Kontrolle gibt und wollen keine Steine im Weg
Insgesamt sind es 40 Gesetze die Jarvis aufstellt und dem Leser in die Hand gibt um ihn für das Geschäftsleben der Generation G zu rüsten. Doch sind diese Gesetze wirklich auf andere Bereiche übertragbar? Kann es soetwas wie eine Google-Zeitung, einen Google-Einzelhändler, einen Google-Energiekonzern oder sogar einen Google-Staat geben, die nach diesen Regeln funktionieren? Die Frage lässt sich einfach beantworten. Ja, es geht!
Wenn Google die Welt regieren würde
In der Vergangenheit haben sich Zeitungsverlage hinsichtlich ihrer Printmedien als unangreifbar gefühlt, da sie auf eine funktionierende Massenproduktion und die entsprechenden Distributionswege zurückgreifen konnten. Auch waren sie in einigen Teilen der Welt die einzigen verfügbaren Medien und hatten damit ein Alleinstellungsmerkmal inne. Doch dies verändert sich rasant durch das Internet. Die Infrastruktur von Printmedien stellt heutzutage einen unnötig hohen Kostenfaktor dar. Also warum ein Datum festlegen bis zu welchem die Druckerpressen ausgestellt werden. Das klingt verrückt? Zeitungen wird es immer geben!? Alte Massenmedien haben immer noch ihren Wert! Ist es wirklich so? Zeigt nicht die Pleitewelle der großen Zeitungen in den USA viel mehr, dass die Printmedien an Wert verlieren? Wie sonst lässt sich die Anzeigenverlagerung von der teuren Zeitung (€ Beträge) hin in die billige Onlineausgabe (ct. Beträge) begründen? Wir sind bereits im Zeitalter der Google-Zeitung angelangt. Aber nicht nur in Hinblick auf die Onlineausgabe der alten Zeitung. Nein, hier hat sich eine neue „News-Kultur“ aufgetan. Leute finden im WWW-Zeitalter ihre eigenen Wege um an tagesaktuelle Neuigkeiten der Welt zu gelangen, weg von der schnöden Zeitung, was Beispiele wie Google-News und Daylife, oder interaktive News-Seiten wie Digg.com (hier bestimmt der Leser was auf die erste Seite kommt) zeigen. Nicht zuletzt erfreuen sich auch sog. Feeds auf Facebook oder Twitter, aber auch aps auf Mobiltelefonen besonderer Beliebtheit und decken den täglichen Informationsbedarf. In einer Ausgabe der New York Times im Jahr 2008 wurde ein Student mit dem treffenden Kommentar zitiert:
„If the news is that important, it will find me!“
Folglich sollte sich die Nachrichtenorganisation von Morgen nicht als das Ziel von Informationssuchen sehen, sondern vielmehr als Service betrachten, der dem Leser Feeds zur Verfügung stellt, Inhalte von Nachrichtennetzwerken aufbereitet und die Nachrichten vor Ort zur Verfügung stellt, wo auch immer sich die Leser gerade befinden. Neben dem genannten sind auch weitere Gesetzmäßigkeiten auf die erfolgreiche Nachrichtenorganisation von Morgen anzuwenden. Das es diese schon gibt und man sich die Erfolgsfaktoren des WWW bereits zu Herzen genommen hat zeigen Beispiele wie die bereits genannte Internetseite www.Digg.com.
Das auch ein Einzelhändler „googlig“ agieren kann und damit großen Erfolg hat, zeigt Gary Vaynerchuck, Wein- Einzelhändler in Springfield. Durch einen Video-Blog schaffte er eine Plattform für Weinkenner, organisierte Treffen zu denen er Mitglieder der „Weincommunity“ einlud, verlinkte sich zu anderen Blogs, wodurch er in der Gunst von Google stieg – Googlesaft. Er offenbarte die Grundlagen seines Geschäfts und bot den Kunden die Möglichkeit für sie auf die Jagd nach besonderen Weinen zu gehen. Das dieser, sein Google-Weg, erfolgreich war, zeigt die Umsatzsteigerung von $ 4 Mio. auf $ 60 Mio. innerhalb weniger Jahre.
Google-Zeitung — ja, Google-Einzelhändler – ok, aber Google-Energiekonzern?
Das dies möglich ist beweist Google selbst mit seiner Initiative RE < C (renewable energy cheaper than coal). Google lässt 1% seines Umsatzes in diese Initiative fließen. Aber warum? Um der Gesellschaft etwas zurückzugeben? Ein klares „Jein“! Neben dem Nutzen für Alle stehen auch Googles eigene Interessen im Vordergrund, denn für die Bereitstellung seines Services benötigt Google Unmengen an teurer Energie. Um diesen Energiebedarf zu decken und auch für die Gesellschaft einen Mehrwert zu schaffen, gründete man diese Initiative, die Forschungsprojekte zur klimafreundlichen Nutzung von erneuerbaren Energien zu einem niedrigen Preis unterstützt. Aber auch hier werden die eigenen Regeln bis ins Letzte beachtet.
Neben der Privatwirtschaft kann auch ein Staat nach diesen Regeln existieren und profitieren und sich zumindest ansatzweise als eine Art United States of Google bezeichnen. Ein Beispiel kommt aus Großbritannien, wo es seit 2006 die Möglichkeit der E-Petition gibt, die Teil des MySociety Programms ist und staatliche Stellen offener gestalten soll. Auch in der Politik selbst lässt sich ein Hang dazu erkennen im Wege der oben genannten Gesetzmäßigkeiten zu agieren und die neuen Möglichkeiten des WWW zu nutzen, was nicht zuletzt der Wahlkampf von Barack Obama zeigt, oder die, nach der Übersetzung von Facebook ins Spanische, organisierte Kampagne gegen die FARC in Kolumbien.
Diese von Jeff Jarvis gezeigten Beispiele beweisen eindrucksvoll wie die Welt von morgen mit den „Google Rules“ und den entwickelten Gesetzmäßigkeiten existieren und auch in fast allen Lebensbereichen erfolgreich sein kann. Aber wo es Regeln gibt, gibt es auch immer Ausnahmen.
Der „Googlefreie“ Raum – Gott und Apple
Auch wenn Google bereits von einigen als Gott im Netz bezeichnet wird, stellt sich die Frage ob Gott frei von der Beeinflussung durch Gott ist? Wenn man seine Suche im Netz startet, und das natürlich bei Google, bekommt man ein Suchergebnis von 36.200.000 Einträgen. Darunter Seiten wie Gott.net oder Gott.com aber auch GodTube.com. Man findet unzählige Blogs in denen Glaubensfragen diskutiert werden, einige Gruppen bei Facebook oder aps für das iPhone. Wohl oder übel kommt man zu dem Schluss, dass auch Gott bereits „googleig“ geworden ist. Aber wenn schon Gott von Google und seinen Regeln beeinflusst wird gibt es überhaupt irgendetwas was es nicht ist? Einen sog. Anti-Google? Die Antwort ist leicht! Es ist Apple! Niemals würde Apple Kontrolle aus der Hand geben. Steve Jobs kontrolliert alles – und wir wollen es auch so! Es ist seine Brillanz und sein Hang zum Perfektionismus die seine Produkte zu etwas Besonderem machen. Apple ist das Gegenteil von kollaborativ (er bestimmt was auf seinen Produkten läuft- doch diese Dinge laufen perfekt) und auch Transparentes sucht man hier vergeblich. Fehler werden stillschweigend berichtigt. Apple attackiert Fans die in Blogs neue Entwicklungen offenlegen und verklagt sie. Negative Presse interessiert Apple dabei nicht. Apple und seine Produkte sind Kult und scheinen damit unabhängig von den „Google Rules“ existieren zu können. Doch in einem Punkt haben beide Unternehmen doch eine Gemeinsamkeit:
„That what makes both companies most alike is that – like any great brand – they answer one strong desire – people want to be like God” Rishad Tobaccowala
Generation G
„Google is changing our societies, our lives, our relationships, our worldviews, probably even our brains in ways we can only begin to calculate“ Jeff Jarvis
Vielfach wird argumentiert das Google und sein Gefolge wie Facebook, Craigslist etc., die Kreativität aushöhle und denkende Menschen zu Google-Zombies machen, die bei jeder ihnen gestellten Frage wie automatisch eine Suchanfrage bei Google starten. Eigene Denkansätze werden somit im Keim erstickt und die Kommunikationsfähigkeit der neuen Generation degeneriere völlig. Dem kann nur überzeugend entgegengehalten werden, dass Menschen wie Mark Zuckerman (Gründer von Facebook), Jeff Bezos (Gründer von Amazon), Jimmy Wales (Mitbegründer von Facebook), Kevin Rose (Begründer von Digg.com) die besten Gegenbeispiele für diese These sind und das Internet der Generation G die Möglichkeit bietet Innovationen und Erfindungen schneller, zielstrebiger und nützlicher in die Tat umzusetzen. Auch hat die Kommunikationsdichte in einem atemberaubenden Maße zugenommen, was insbesondere dem Instant Messaging (z.B. ICQ) und den Social Networks (Facebook, Xing etc.) geschuldet ist. Es bleibt zu hoffen, dass diese Entwicklung weiter beibehalten werden kann und Altes zu Neuem wird, festgefahrende Wege verlassen werden und die Generation G, wie ihre Vorreiter Larry Page und Sergei Brin, weiter an Kraft und Tatendrang gewinnt.
Quellen






