Die digitale Unternehmung

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Daniel Michelis — Hochschule Anhalt

The Future of Ideas — The Fate of the Commons in a connected World

(von Stefanie Funke, Teilnehmerin Social Media Seminar 2009/10)

The Future of Ideas

“So freedom? Here`s the freedom: You`re totally free to make a movie in an empty room, with your two friends.” (Laurence Lessig)

Mit “The Future of Ideas” schreibt Laurence Lessig kein Buch über Filme, aber das Zitat zu Beginn verdeutlicht seine Intention, die im gesamten Werk zur Geltung kommt: Alles, was man in irgendeiner Weise benutzen will, um damit beispielsweise kreativ tätig zu werden, unterliegt dem Urheberrecht!

Das gegenwärtige Urheberrecht verhindert die Innovationen, die das Internet in seiner ursprünglichen Form geschaffen hat, so die These Lessigs. Diese veränderten Rahmenbedingungen bestimmen mehr und mehr die Entwicklung, behindern kreatives Arbeiten und fördern schlussendlich nur die Gewinnmargen der Wirtschaftsunternehmen. Wir stehen heute an einem Punkt, an dem wir entscheiden müssen: Sind wir im digitalen Zeitalter eine freie Gesellschaft? Und was würde diese Idee im Einzelnen bedeuten? Zur Beantwortung dieser Frage sollte man zunächst wissen, was Commons sind und wie sie nach Lessigs Meinung die Entwicklung des Internets geprägt haben. Commons werden übersetzt als Allmende bzw. Wissensalmende und umfassen all jene Güter, die für jeden frei zugänglich sind, das sogenannte Gemeingut. Nach dem dreigliedrigen Kommunikationsmodell von Benkler, das aus einer gegenständlichen, logischen und inhaltlichen Ebene besteht [1], ist die Balance zwischen Eigentum und Allemenden innerhalb dieser Schichten nach maßgeblich (gewesen) für die Entwicklung des Internets. Der Autor beschreibt im Folgenden, wie die heutigen Veränderungen die Innovationen und Kreativität verhindern.

Physical Layer

Die Elemente der gegenständlichen Ebene waren seit jeher kontrolliert, spätestens seit dem Unglück der Titanic 1912, das angeblich durch die Kontrolle des Funkspektrums hätte abgewendet werden können. Obwohl herausragende Wissenschaftler wie Coase schon damals eine andere Variante vorschlugen, wird das Spektrum noch heute durch die FCC beherrscht. Andere Modelle, beispielsweise den Zugang über einen Wettbewerb am Markt zu regeln oder aber Teile als Commons freizugeben, um deren optimale Verwendungsmöglichkeiten zu erforschen, während der verbleibende Rest am Markt gehandelt wird, werden völlig ausgeblendet. Doch nicht nur die Regulierungsbehörden sträuben sich gegen eine solche Entwicklung, auch die Gerichte, die jedweden Wandel fast schon boykottieren; mit der schlagenden Begründung, dass es ja schon immer so war. Dabei wäre ein Gleichgewicht, realisiert durch einen Mix zwischen öffentlichen und privaten Segmenten, signifikant für kreative Innovationen.

Code Layer

Die ursprüngliche Entwicklung der logischen Ebene wurde maßgeblich dadurch bestimmt, dass die Regierung AT&T dazu zwang, den Nutzern die freie Wahl zu lassen, wie deren Kabel genutzt werden sollten. Diese Öffnung beförderte die rasante Entwicklung, die Internetprotokolle wie e2e zur Folge hatte, mit deren Hilfe die ersten Netzwerke erschaffen wurden. Zu diesem Zeitpunkt war das World Wide Web eine Institution, die mittels verschiedener Werkzeuge eine Community gründen wollte und der Mix zwischen dem Freiraum und einer gewissen Kontrolle ermöglichte diesen Fortschritt. Der Zugang über die Schmalbandleitungen war jedoch enorm langsam, sodass zunehmend der Breitbandzugang über Kabel-TV an Bedeutung gewann. Bei diesem kontrollierten die Anbieter jedoch vollständig, wer zu welchem Zeitpunkt welche Bearbeitungen vornehmen kann. Bestes Beispiel dafür, dass es den Unternehmen dabei nicht um die Förderung der Innovationen ging – und geht – ist in diesem Zusammenhang AOL. America Online wurde quasi im Netz erschaffen und erkannte, dass Netzwerke und deren User die Zukunft sind. Doch anstatt dieses Potential zu fördern, konnten man keine eigenen Applikationen hinzufügen und auch inhaltliche Seiten wurden teilweise kontrolliert. Im Zuge der rasanten Entwicklung sprach sich AOL stets für eine Öffnung des Breitbandes aus, bis zu dem Zeitpunkt, als sie mit Time Warner (die zweifelsfrei über einen eigenen Kabel-Zugang verfügten) fusionierten. Plötzlich müsse dieser Zugang kontrolliert bleiben. Diese Entwicklung mag aus Sicht eines Unternehmens normal sein, sollte jedoch nicht von der Bevölkerung als ihre antizipiert werden. Ein Gleichgewicht ist wichtig für die weitere Entwicklung und die Gesellschaft steht an einem Punkt, an dem entschieden werden muss, wo „die Reise hingehen soll“. Die momentanen Veränderungen führen „nur“ zu einem radikalen Umbruch, der in der fast vollständigen Kontrolle der logischen Ebene resultiert.

Content Layer

Um die inhaltlichen Innovationen, die das Internet in kürzester Zeit hervorbrachte, zu verstehen, ist es notwendig, einige Dinge über die zugrunde liegenden Quellcodes zu wissen. Ende der 70er Jahre entstanden erste operative Systeme, die untereinander kommunizieren konnten und jeder zum entwickeln aufgefordert wurde. So gründete zum Beispiel Stallman, der maßgeblich an der Entwicklung der Internetprotokolle beteiligt war, 1985 die Free Software Foundation. Diese - und gewiss auch andere - Institutionen leben von der Freiheit des Quellcodes, in Folge dessen unter anderem auch finnische Studenten zur „Geburt“ von GNU/ Linux beitrugen. Linux ist heute noch einer der größten Vertreter der open-source Philosophie, daraus resultieren verschiedenste Betriebssysteme wie SUSE oder Debian Linux. Dieser freie Code bildete letztendlich die Innovationen der inhaltlichen Ebene. Zunehmend sehen Unternehmen darin jedoch eine Bedrohung, Beispiel par excellence ist Microsoft. Durch diverse Strategien, mittels derer sie ihre Quellcodes schützen und Kopplungen integrieren (Windows 95 und den Internet Explorer), behindern sie jegliche kreative Innovationen mit dem Ziel, ihre Stellung als Marktführer nicht zu verlieren. Doch abgesehen davon, welche Innovationen entstanden im Ergebnis aufgrund einer weltweiten Kommunikation?

Innovationen

HTML-Books gehören heute zum alltäglichen Leben, die sogenannten E-Books werden als zukunftsweisend betrachtet. Das erste Internetbuch stammt von Eric Eldred, der den Globus an seiner Leidenschaft für Bücher teilhaben lassen wollte. Einzige Grenze hierbei ist das Copyright der Autoren, jedoch fällt nach einem gewissen Zeitraum jedes Werk ins sogenannte public domain [3], sodass Eldred die Bücher veröffentlichen konnte. Eine bahnbrechende Entwicklung, die durch ein Gleichgewicht zwischen Eigentum und Gemeingut in allen drei Kommunikationskanälen ermöglicht wurde. Dramatischer noch waren die Entwicklungen im Video- und Audiobereich. Bisher bekannte Audiodateien konnten als MP3 auf den PC gerippt und versendet werden, eine Entfaltung, die schlussendlich auch die Streaming-Technologie [4] nach sich zog. Erfolgreichstes Programm von MP3 wurde My.MP3, mit dem der Zugriff auf eine Bibliothek möglich war, in der peu à peu eine Vielzahl verschiedener Titel hinterlegt waren, auf die man Zugriff erhielt, wenn der PC die jeweilige CD im Laufwerk erkannt hatte.

Diese Liste könnte unendlich fortgesetzt werden, Innovationen im Filmgeschäft sind enorm (technologische Entwicklungen ermöglichten eine Kostensenkung auf 1%), aber folgend soll im Mittelpunkt stehen, wie diese Innovationen zunehmend gebremst werden – Veränderungen finden nicht nur auf gegenständlicher oder logsicher Ebene statt, größte Gefahr der Innovationen betreffs der inhaltlichen Ebene ist das Copyright.

Aktuelle Entwicklungen

Zweifelsohne, ein urheberrechtlicher Schutz muss gegeben sein. Ansonsten hätten Künstler, Autoren oder Softwareentwickler kaum einen Anreiz, zum Teil Jahre in die Entwicklung zu investieren. Das Problem ist auch nicht ein Schutz dieser Rechte, sondern vielmehr die Gefahr der perfekten Kontrolle über diese. Die neue Technologie eröffnet Möglichkeiten zur Rechtewahrnehmung, die bis vor wenigen Jahrzehnten nicht annähernd denkbar gewesen wären und die von den Inhabern eifrig genutzt werden. Fox kann heute beispielsweise einen Verbraucher in Deutschland urheberrechtlich belangen, wenn dieser auf seiner Homepage ein Bild der Simpsons benutzt – und die Gerichtsbarkeiten unterstützen dieses Modell mit einem schier unglaublichen Elan. Um es mit den Worten Lessigs auszudrücken:

„So consider the work of the courts, legislatures, and code writers
in their crusade to expand the protections for a kind of “property” called IP.”

Weniger theoretisch, mehr praktisch: Die Anzahl der Beispiele, die wegen (angeblicher) Verletzung von Urheberrechten ihre Arbeit und mithin die Innovationen einstellen mussten, sind unzählig. MP3 erhielt zehn Tage nach dem Anbieten von My.MP3 eine Klage von der RIAA [5] wegen „krasser Verletzung“ von Urheberrechten. Ohne Zweifel, die Musik-Bibliothek war enorm, aber man erhielt nur zu den Werken Zugang, die man im Rechner eingelegt hatte, demzufolge zu denen, die man rechtmäßig erworben hatte. [6] MP3 lehnte die Aufforderung zur Unterlassung und einen Schadensersatzanspruch von 100 Mio. $ ab, denn ihr einziges Ziel war, Musik zu verbreiten. Nichts desto trotz, die Gerichte sahen nur die vorsätzliche und schuldhafte Unterstützung der Bereitstellung illegaler Kopien und verurteilten MP3 zur Unterlassung und zu 110$ Schadensersatz.

„For experimenting with a different way to give consumers access to their data, MP3.com was severely punished.”

Wohl bekanntestes Exempel in diesem Zusammenhang ist das Verfahren Eric Eldreds gegen die elfte Verlängerung des Urheberrechtsschutzes in den USA innerhalb der letzten 40 Jahre (zum Zeitpunkt 1998). Die Ansicht Eldreds, dass eine Schutzdauer von bis zu 150 Jahren eindeutig über das Ziel des Urheberrechts hinausgeht, teilen eine Vielzahl führender Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler. Das aktuelle Copyright entwickle sich mehr und mehr zu einem „Rechteverwerterrecht“, das den Anforderungen des 21. Jahrhundert nicht mehr gerecht werde. Anstatt Kreativität zu fördern, behindert es den Fortschritt der heutigen Kultur. Seit 1962 stieg der Zeitraum 11mal, bei annähernd jeder war im Vorfeld die Lobby des Disney-Konzerns beteiligt – nämlich immer dann, wenn das Urheberrecht für „Steamboat Willie“ und die darin erstmals auftauchende Mickey Mouse abzulaufen drohte. So auch 1998, als der Sonny Bono Copyright Act (auch Mickey Mouse Protection Act genannt) verabschiedet wurde, der es Eldred verbat, Klassiker von Fitzgerald, die zu diesem Zeitpunkt ins public domain gefallen wären, zu veröffentlichen. Doch statt diese Missstände zu beheben, lehnte der Supreme Court die Klage, die unter anderem auch von Lessig unterstützt wurde, ab. Das moderne Urheberrecht verhindert kreative Entwicklungen, hemmt Forscher und ist in seiner jetzigen Funktion einzig für die Wirtschaftkonzerne sinnvoll, die um jeden Preis neue, bahnbrechende Entwicklungen, die eigene Gewinnmargen minimieren könnten, aufhalten wollen. Sofern dieser Blick von unbedingtem Eigentum, absoluter Kontrolle und fehlendem Verständnis für ein Internet, das auf einem Gleichgewicht zwischen Kontrolle und Freiheit beruhen sollte, beibehalten wird, erscheint es fraglich, wie die Zukunft des technologischen Zeitalters aussehen soll.

„We are racing to assign property rights in the air,
because we can`t imagine that balance could do better.”

Lösungsansätze

Aktuelle Veränderungen können nichts desto trotz aufgehalten werden, Fortschritte hin zu einem innovativeren und kreativeren Internet sind möglich. Lessigs Meinung nach wäre z. B. ein Urheberrecht, das für fünf Jahre gilt und maximal 15mal verlängert werden kann, eine wesentlich bessere Alternative als das heutige. Ähnliches gilt für Quellcodes, die nicht länger als 10 Jahre geschützt sein sollten um anschließend zur freien Verfügung zu stehen. Ebenso müsste der Kongress einen Anreiz für die Produktion öffentlicher Güter, mithin von Commons, schaffen. An dieser Stelle setzt sich vor allem auch Lawrence Lessig selbst ein, der zusammen mit Eric Eldrerd und weiteren Kritikern des gegenwärtigen Copyrights die Initiative der Creative Commons gründete. Diese Bewegung, die sich im Grundgedanken an die Free Software Foundation anlehnt, zielt drauf hin, jene Beschränkungen, die das Copyright auferlegt, zu vermindern. Mittels sechs verschiedener Lizenztypen können die Urheber selbst bestimmen, in welcher Art und Weise ihre Werke nutzbar sind.

Ziel ist folglich, mittels dieses Allgemeingutes Innovationen und Kreativität zu fördern, so dass geistig schöpferisch Prozesse nicht mehr behindert werden. Auch wenn die Initiative sicherlich noch nicht in dem gewünschten Maße umgesetzt werden konnte, sind dennoch wesentliche Fortschritte erreicht. Commons sind mehr und mehr zu finden (Bilder: flickr; Videos: blip.tv; Musik; jamendo), zu den populärsten Anhängern gehören solche wie Wikipedia, Al Jazeera oder die Nine Inch Nails.

Wir stehen schlussendlich an einem Punkt, an dem die Entscheidung getroffen werden muss, ob wir weiterhin alt gegen neu verteidigen oder aber zurück zu einer Balance zwischen Freiheit und Kontrolle finden wollen, die Basis der Entwicklung des Internets war.

„As the old Net gets replaced by the new,
as old interests succeed in protecting themselves against the new,
we face a fundamental choice.”

Quellen & weiterführende Hinweise

Fußnoten

[1] Physical layer = gegenständliche Ebene, z.B. Hardware; logical layer = Code-Ebene, z.B. Quellcodes, Software; content layer = inhaltliche Ebene, Inhalt der Websiten.

[3] D. h., die Werke sind für jeden frei nutzbar, niemand hat mehr ausschließliche Rechte, das Buch ist mithin ein

[4] Die Lieder mussten nicht mehr von einem zum anderen Rechner gesendet werden, sondern konnten so im Netz gehört werden.

[5] Verband der Musikindustrien in den USA

[6] Sicher kann man auch eine geborgte CD einlegen, aber auch ohne My.MP3 hätte man diese beispielsweise brennen können.

Kategorie: Bücher & Rezensionen, Theorie, — Social Media, — Texte

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