Die digitale Unternehmung

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Daniel Michelis — Hochschule Anhalt

Here Comes Everybody — The Power Of Organizing Without Organizations

(von Gundula Warnecke, Teilnehmerin Social Media Seminar 2009/10)

Here Comes Everybody

Das Buch “Here Comes Everybody—The Power of Organizing Without Organizations” von Clay Shirky beschäftigt sich mit der Frage, in wie weit technische Innovationen Einfluss auf den gesellschaftlichen Wandel haben können. Im Buch beschreibt Shirky, dass sich die Menschheit besonders durch ihre komplexen Gruppenaktivitäten von anderen Spezies unterscheidet. Diese Annahme wird u.a. in der sprachlichen Vielfalt, mit der menschliche Beziehungen beschrieben werden, deutlich.

„You can see an echo of our talent for sociability in the language we have for groups; like a real-world version of the mythical seventeen Eskimo words for snow, we use incredibly rich language in describing human association.”
(p. 15)

Shirky geht davon aus, dass alle Neuerungen und Entwicklungen, die die Durchführung von Gruppenaktivitäten selbst beeinflussen, auch zwangsläufig zu einer Veränderung in der Gesellschaft führen. Die Menschheit befände sich aktuell mit der Adaption des Internets in einer Umbruchphase, die größer ist als alles bis jetzt erlebte; denn im Vergleich zu Innovationen wie der Druckerpresse, des Telegrafen oder der Entdeckung des Radiosignals sind die neuen Tools dazu in der Lage, die Grenzen der bisherigen Ein- und Zwei-Weg-Kommunikation zu sprengen und das Teilen, Kommunizieren und Kooperieren von ganzen Gruppen zu vereinfachen.

Shirky’s Ladder

Der Aufbau Shirky’s Buch basiert auf der Annahme, dass Gruppenaktivitäten sich entsprechend ihres Schwierigkeitsgrades unterscheiden und es folglich verschiedene Abstufungen zwischen den Gruppenarten gibt. Sein Leitermodell differenziert dazu in die Stufen

  1. Teilen,
  2. Konversation
  3. Kooperieren und
  4. Kollektives Handeln.

“You can think of group undertaking as a kind of ladder of activities, activities that are enabled or improved by social tools. The rungs on the ladder, in order of difficulty, are sharing, cooperation, and collective action.” (p. 49)

(1)    Teilen (sharing)

Teilen ist die einfachste Form von Gruppenaktivität, da die menschliche Natur grundsätzlich sehr daran interessiert ist, sozial zu handeln und in eine Gemeinschaft integriert zu sein. Dieses Bedürfnis veranschaulicht Shirky beispielsweise mit der Einzelhaft: Trotz der ohnehin äußerst eingeschränkten sozialen Handlungsfähigkeit in Gefängnissen wird Einzelhaft als eine noch weit schmerzvollere Bestrafung bei negativem Verhalten eingesetzt.

Durch Webservices wie Youtube, Flickr oder Slideshare wird das Teilen von Inhalten gefördert, indem User beispielsweise ihre Bilder posten, mit Tags versehen und über diese Tags zueinander finden. Während sich zu früheren Zeiten Menschen trafen, die gemeinsame Interessen hatte, um diesen Umstand wussten und sich über jene Gemeinsamkeiten austauschen wollten, erfolgt die Formung von Gruppen heute umgekehrt: Auf Internetportalen wie Flickr wird zunächst geteilt und anschließend über Tags nach Gemeinsamkeiten mit anderen Usern gesucht.

(2)    Konversation (conversation)

Unterhaltungen zwischen Individuen sind komplizierter als das bloße Teilen von Inhalten und befinden sich daher auf einer höheren Schwierigkeitsstufe. Eine Ursache hierfür besteht in den vorherrschenden Gruppenregeln, die im Rahmen der Kommunikation gelten: Diese müssen von allen Gruppenmitgliedern eingehalten werden, sodass es bei Zuwiderhandlungen zu Spannungen kommen kann. Andererseits führt die Befolgung gemeinsamer Regeln zu einer Art Gruppenidentität, die man beim Sharing nicht erhält.
Eine der größten Schwierigkeiten, die die neuen Internettools in Zusammenhang mit Unterhaltungen mit sich bringen, zeigt sich in den verschwimmenden Grenzen zwischen persönlicher Kommunikation und Veröffentlichung. Oft sind Inhalte, die von einem User ins Netz gestellt werden, nur für die wenigen Freunde auf der jeweiligen Plattform bestimmt und nicht für die Mehrheit; die Kommunikation ist eher mit einem Gespräch in der Mall zu vergleichen.

Grundsätzlich führt die Kommunikationsfreude vieler Internetbenutzer dazu, dass klassische Medien und damit auch professionelle Journalisten oder Photographen immer mehr an Bedeutung verlieren. Zwar erreicht die alternative Berichterstattung in Blogs oft nicht das Niveau und die Seriosität von professionellen Medien, die Menge der Amateure wiegt dieses Defizit jedoch wieder auf, sodass das geschriebene Wort durch die neue Einfachheit des Publizierens immer mehr an Wertigkeit einbüßt.

Es wird auch immer schwieriger, eine klare Linie zwischen laienhafter und professioneller Arbeit zu ziehen, da professionelle Journalisten u.a. oftmals auch über einen eigenen Blog verfügen. Es stellt sich die Frage, ob Aussagen auf diesen Blogs zwangsläufig auch ernstzunehmenden Journalismus darstellen.

(3)    Kooperatives Handeln (collaboration)

Kooperatives Handeln meint das gemeinschaftliche Produzieren von Inhalten im Rahmen von Arbeitsteilung und Teamarbeit. Während sich die Gruppenmitglieder bei der bloßen Konversation lediglich an Verhaltensregeln halten müssen, teilen sie sich bei der Kollaboration außerdem eine gemeinsame Verantwortung für das Gruppenziel. Die zusätzliche Problematik besteht folglich darin, dass die eigenen Interessen, Wünsche und Bedürfnisse zur Erreichung des Ziels teilweise zurückstecken müssen.

Shirky weist darauf hin, dass durch die neuen Kommunikationsinstrumente Menschen in Verbindung treten können, die einst keine oder zumindest nur mit immensen Aufwand die Möglichkeit hatten, zusammenzuarbeiten; durch die Nutzung dieser Potentiale könnten Zielstellungen schneller, einfacher und globaler gelöst werden. Ein Beispiel für kooperatives Handeln ist Linux, ein System, für dessen Realisierung der Erfinder Linus Torvalds 1991 die Internetuser um Hilfe bat: „I’m doing a (free) operating system (just a hobby) […] I’d like to know what features most people would want.“ Torvalds profitierte mit dieser Nachricht vom Wissen aller, versprach dafür im Gegenzug jedoch, die Software frei verfügbar zu machen.

Anders als Linux oder z.B. auch Wikipedia missglückt ein Großteil von kooperativen Projekten. Was sich zunächst anhört wie ein Nachteil, wird von Shirky als große Chance wahrgenommen: Er argumentiert, dass durch die gesunkenen Transaktionskosten auch eine experimentellere Herangehensweise bei der Lösungsfindung möglich ist, als dies beispielsweise bei kostengebundenen Unternehmen der Fall wäre. Eine höhere Experimentierfreude führe zwangsläufig zu mehr Versagen, könne aber auch Lösungen aufzeigen, die anderweitig nicht zutage gekommen wäre („glückliche Zufälle“).

(4)    Kollektive Handlung (collective action)

Die kollektive Handlung ist laut Shirky‘s Aussage aktuell noch relativ selten zu beobachten, da sie eine besonders große Herausforderung bildet; andererseits könne sie aber auch den größten Umbruch in der Gesellschaft bewirken. Ein Beispiel für gemeinsames Handeln sind so genannte Flash Mobs, bei denen sich eine Gruppe scheinbar spontan synchron verhält. Derartige Blitzaufläufe waren einst als spaßige Aktion gedacht, entwickelten sich in den letzten Jahren aber immer mehr zum Demonstrationsinstrument. Die Message liegt dabei nicht in der Handlung selbst, sondern in der gemeinschaftlichen Aktion.

Shirky veranschaulicht am Beispiel der Montagsmärsche von 1989, wie sich die Macht der Protestanten durch die neuen Tools in den letzten 20 Jahren gewandelt hat: Damals war die Planung von Demonstrationen für die breite Öffentlichkeit und somit auch für die Autoritäten stärker wahrnehmbar als der anschließende Protestmarsch selbst. Alles musste von langer Hand geplant werden, da die zur Verfügung stehenden Kommunikationsmittel eine zeitnahe Bekanntgabe von Ort und Zeit nicht gewähren konnten. Zudem mangelte es anschließend an Foto- und Videoaufnahmen, sodass die Bewegung oft nur auf lokaler Ebene wahrgenommen wurde.
Die zunehmend flexibleren Tools von heute, zu denen u.a. Text Messaging und Twitter zählen, kehren diese Wahrnehmung um: Die langfristige Planung von Protestmärschen weicht einer kurzfristigen Koordination der Gruppen. Jeder weiß, dass etwas geschehen wird, der örtliche und zeitliche Rahmen wird jedoch erst in letzter Minute bekannt gegeben. Dies hat den Vorteil, dass die Autoritäten die geplanten Demonstrationen nicht schon im Vorfeld vereiteln können; Medien wie Flickr und Youtube gestatten zudem eine globalere Wahrnehmung der Proteste.

Shirky kommt zu der Einsicht, dass die neuen Kommunikationstools nicht als Ursache von Gruppenaktivitäten zu bewerten sind; vielmehr lösen sie lediglich bestehende Grenzen auf und ermöglichen die Bildung von Gruppen, für die es auch schon zu früheren Zeiten ein Interesse bzw. eine Notwendigkeit gab. Dass die Gesellschaft sich erst jetzt, nachdem es das Internet bereits seit einigen Jahrzehnten gibt, in einem Wandel befindet, begründet Shirky mit der Zugänglichkeit der neuen Instrumenten: Allein die Existenz eines Mediums, das in technischer Hinsicht eine Gruppenbildung ermöglicht, reicht nicht aus. Erst wenn die neuen Technologien auch für die Mehrheit erreichbar und selbstverständlich geworden sind, kann und wird sich die Gesellschaft ändern.

Critical Aspects

In „Here Comes Everybody“ beleuchtet Shirky jedoch nicht nur die positiven Seiten der Entwicklung. Tools wie Twitter, Facebook und Co. vereinfachten zwar die Formung von Gruppen, ob die Entstehung einzelner Vereinigungen aber wünschenswert ist, hängt vom jeweiligen Standpunkt ab. Ein alltägliches Beispiel beschreibt hier etwa die Existenz von Konsumentenschutzorganisationen: Diese stärken zwar die Machtposition der Kunden, viele Unternehmen könnten darauf jedoch getrost verzichten.

Deutlicher werden die Gefahrenpotentiale, die die neuen Tools mit sich bringen, aber am Beispiel von Terrornetzwerken. Trotz größter Distanzen können deren Mitglieder untereinander durch flexible Kommunikationsmittel Kontakt halten und Anschläge an den Obrigkeiten vorbeiplanen. Die derzeitige Entwicklung ist eine Revolution, aber Revolutionen—so Shirky—kann es nur geben, wenn mindestens einer dabei verliert.

Literaturempfehlung:

Internet:

  • My mind on books (2008): Webibliography links for ‘Here Comes Everybody’ by Clay Shirky. (Stand: 30. April 2008, Zugriff: 22. Oktober 2009).
  • Shirky, C. (2009): Clay Shirky’s Writings About the Internet. Economics & Culture, Media & Community, Open Source. (Stand: unbekannt, Zugriff: Oktober 2009).

Kategorie: Bücher & Rezensionen, Theorie, — Social Media, — Texte

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2 Responses

  1. [...] „nichelike in their appeal to a very particular audience, but with a number of participants previously available only to mainstream media.” [2, siehe auch hier] [...]

  2. [...] Transaktionskosten ermöglichte Zusammenarbeit von Konsumenten im Vordergrund, die nach Shirkys (Here Comes Everybody) für das Aufkommen gänzlich neuer wirtschaftlicher Aktivitäten verantwortlich [...]

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